„Hier bin ich richtig. Das ist mein Platz.“
Eine der Mitbegründerinnen der ersten Mieterbaugemeinschaft in Stuttgart ist Ingrid Herrmann. Hier spricht sie über ihre Beweggründe und Erwartungen, die Entwicklung des Projekts, die Ankunft und die ersten Monate im neuen Zuhause am Wiener Platz.

Ingrid Herrmann findet: Mit ihrem neuen Zuhause am Wiener Platz in Stuttgart hat sie das große Los gezogen.
Foto: privat
Bis dahin hatte die 68-Jährige in einer Zweizimmer-Eigentumswohnung gelebt, in einer beschaulichen Wohngegend. „Solange ich gearbeitet habe, war diese Ruhe wunderbar. Da hat mir der Trubel auf der Arbeit gereicht.“ Wenn ihr heute etwas fehlt, dann sind es ihre Klassen mit ausländischen Studienbewerbern, die sie zur Vorbereitung auf das Studium in der deutschen Sprache unterrichtete. Junge Leute und viel Leben um sich zu haben, vielleicht auch ein internationales Umfeld – das war ihr deshalb am neuen Wohnort wichtig. „Hier in Stuttgart-Feuerbach, ursprünglich ein Vorort von Stuttgart und in den 20ern eingemeindet, haben wir Läden, Geschäfte, Restaurants vieler Nationalitäten. Ein lebendiges Viertel. Das gefällt mir.“
Anders wohnen
Im Ruhestand noch einmal ganz anders wohnen: Damit hatte sich Ingrid Herrmann gedanklich schon länger befasst und dann auch praktisch darauf hingearbeitet. Es sei allerdings lange nicht so klar gewesen: was und wie? Unter den Projekten, die sie am Anfang in Augenschein nahm, hat „keines so richtig gezündet“.
Der Funke sprang über, als sie dann sah: „Feuerbach, am Bahnhof, Wiener Platz.“ Hier gibt es einen Bauplatz. Hier kann man sich bewerben für Baugemeinschaften, auf gemeinschaftliches Wohnen. „Da habe ich gedacht: Genau da will ich hin. Das ist mein Platz. Da will ich mich engagieren.“ Sie wurde Stammgast bei diversen Infoveranstaltungen, Stammhörerin in der Volkshochschule, wo eine Plattform für gemeinschaftliches Bauen und Wohnen angesiedelt ist. „Man sah dann immer wieder die gleichen Gesichter, kam ins Gespräch, fand sich sympathisch“, schildert sie die Entstehung der Kerngruppe. Andere kamen und gingen, wie sich auch das Projekt selbst und Herrmanns Sicht darauf im Laufe der Zeit wandelte.
Unter sicherem Dach
Nach ihrem Gusto hätte es „eventuell auch Eigentum, das heißt eine klassische Baugemeinschaft“, werden können. „Aber selbst bauen, das hätten wir in unserer Gruppenkonstellation so nicht hinbekommen. Wir hätten einen eigenen Architekten und Projektsteuerer nehmen müssen.“ Man einigte sich auf ein gemeinschaftliches Mietbauprojekt unterm Dach einer Genossenschaft. „Sonst hätte ich es auch nicht gemacht. In irgendeine andere Mietwohnung wäre ich nicht gezogen“, erklärt Ingrid Herrmann. Die Sicherheit beim Wohnen wollte sie nicht verlieren: „Bei einer Genossenschaft hat man lebenslanges Wohnrecht, kann nicht auf Eigenbedarf gekündigt werden. Die Mieten sind in der Regel günstiger als auf dem privaten Markt. Hier in Stuttgart jedenfalls. Und für die Genossenschaftsanteile zahlt man nicht mehr als für eine Mietkaution.“
Nach den Wünschen einer Mietergemeinschaft zu bauen – damit habe sich die Baugenossenschaft „Neues Heim“ auch selbst auf ein Experiment eingelassen, merkt sie an. Dort hätte man es ja auch beim Bau standardisierter Wohnungen bewenden und die Gruppe links liegen lassen können. Es gebe schließlich genug Leute, die Wohnungen suchen.
Anleihe bei privaten Baugemeinschaften
„Aber die Genossenschaft hat die Quartiersentwicklung im Blick – weg vom anonymen Wohnen“ und von Wohnvierteln, wo dann vielleicht nur Ältere leben oder alle mit dem gleichen finanziellen Hintergrund. „Sie wollte ein gemischtes Quartier und hat schon während der Bauphase sehr viel dafür getan.“ Rückhalt von dort gab es für die Mieterbaugemeinschaft bereits bei der Bewerbung um einen Bauplatz – mit ersten Plänen und einem Sozialkonzept. „Hier hat uns die Genossenschaft sehr unterstützt, ohne dass wir bis dahin Geld in die Hand nehmen mussten.“
Es war ein Lernprozess auf beiden Seiten, ein Experiment, von dem auch weitere Mietprojekte dieser Art profitieren sollen. Die künftigen Bewohner schon im Vorfeld einbeziehen – so kannte man es bisher nur von traditionellen privaten Baugemeinschaften. Wenn man mitplant, entsteht nach Herrmanns Erfahrung eine ganz andere Bindung zu den Mitbewohnern und ans Haus. „Obwohl wir anfangs noch mehr oder weniger auf einer Baustelle gewohnt haben: Wir haben uns vom ersten Tag an zu Hause gefühlt.“
Ein guter Zeitpunkt
Als ihr Umzugs-Lkw ankam, „stand da schon ein Nachbar und hat ihn eingewiesen“. Und von einer Nachbarin kam die Einladung zum Essen: „Du hast doch heute keine Zeit.“ Hier anzukommen und seine Nachbarn schon zu kennen: „Das war einfach schön.“ Ein glücklicher Umstand, dass ihr Umzug und der Beginn ihres Ruhestandes fast zusammenfielen. Es sei auch ein guter Zeitpunkt. „Man hat das Gefühl: Es fängt noch einmal etwas Neues an.“
Mittlerweile wird der Innenhof langsam grün und alle freuen sich auf ein Urban-Gardening-Projekt dort. „Wir sind schon dabei zu planen und auf den Balkons werden fleißig Pflanzen vorgezogen, die wir dann ausbringen können.“
Im Fitnessstudio gleich unten im Haus läuft man sich auch häufig über den Weg und lernt auch andere Nachbarn aus dem Quartier kennen. Von dort kommt Ingrid Herrmann an diesem Tag gerade. Hier sei alles in nächster Umgebung erreichbar – Einkaufsgelegenheiten, Bäckerei, Eiscafé, Ärzte. „Und ich glaube, es gibt in Stuttgart keinen Ort, der verkehrlich besser angebunden ist.“ Das sei auch eine Überlegung gewesen. „Man wird ja nicht jünger.“
Mobil mit Ticket
Ihr Auto, das sie viele Jahre lang „nie im Stich gelassen hat“, hat sie zwar mit Wehmut verkauft, „aber, seit es weg ist, auch nicht vermisst. Ich muss keinen Parkplatz suchen, keine Parkgebühren bezahlen. Und wir alle haben das Deutschland-Ticket. Das nutzen wir sehr viel, auch als Gruppe.“ Eine gemeinsame Fahrt zur „experimenta“ nach Heilbronn fand schon vor dem Einzug statt, inklusive Übernachtung in einer Jugendherberge. Hier war es eine große Ausstellung zu Naturwissenschaft und Technik, bei anderer Gelegenheit eine Kunstausstellung. Dafür gibt es im Haus nicht zuletzt berufsbedingtes Interesse und so auch immer wieder neue Freizeitanregungen.
Bücher tauschen und Bücher lesen
Was Ingeborg Herrmann im neuen Zuhause am Anfang tatsächlich vermisste war ihre Büchersammlung. Einen großen Teil hat sie beim Umzug schweren Herzens weggegeben. Aussortieren, das sei auch ein Thema bei anderen Mietern gewesen. Sie hat beschlossen: „Ich werde keine Bücher mehr sammeln. Ich werde sie lesen und dann weitergeben.“ Das geplante Büchertauschregal im Gemeinschaftsraum wäre dafür vielleicht auch ein guter „Umschlagplatz“.
Dort steht bereits ein Schrank mit einer großen Auswahl von Gesellschaftsspielen – neben den Klassikern auch viele neue Strategie- und Denkspiele, „die längst nicht jeder kennt“. Von den jungen Leuten im Haus als Spender kam dann auch der Vorschlag für gelegentliche Spieleabende sowie für Silent Reading: Man trifft sich in einem Cafẻ oder anderenorts für ca. eine Stunde zum Lesen in aller Stille, jeder im eigens mitgebrachten Buch, und tauscht sich anschließend darüber aus. „So haben wir es gemacht.“ De facto: organisiertes Lesen. Ein neuer Trend, nicht nur in Stuttgart, und für Ingrid Herrman eine „interessante Erfahrung“. Es wird auch ein nächstes Mal geben, dann vielleicht auch mit Interessenten aus der weiteren Nachbarschaft, die über die Quartiers-App dazu eingeladen werden.