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Neues Heim am Wiener Platz

„Wohnen am Wiener Platz“. In dem neuen Quartier in Stuttgart hat seit Kurzem die gleichnamige Mieterbaugemeinschaft ihr Zuhause, die erste ihrer Art in der schwäbischen Metropole. Angesiedelt unterm Dach der Baugenossenschaft Neues Heim. Wie es dazu kam und was die Bewohner verbindet.

Albrecht Lannes hat das Projekt der ersten Mieterbaugemeinschaft in Stuttgart am Wiener Platz von der ersten Stunde an maßgeblich mit vorangetrieben. Er sagt: „Wir zeigen Besuchergruppen gern unser Haus. Weil wir denken, dass dieses Wohnmodell ein Zukunftsprojekt ist.“

Foto: privat

Vom Balkon seiner Wohnung in der vierten Etage schaut Albrecht Lannes auf den Innenhof: „ein unregelmäßiges Fünfeck mit zwei Durchgängen zu den ringsum liegenden Verkehrsadern“. In drei Minuten ist man am S-Bahnhof und von dort schnell in der Innenstadt und der Peripherie. Mit mehreren Straßenbahnlinien kommt man in verschiedene Stadtbezirke und vom nahe gelegenen Busbahnhof bis zu 30 Kilometer weit ins Stuttgarter Umland. Ideal für den pensionierten Kunstlehrer, um sich mit ehemaligen Kollegen regelmäßig am alten Schulort zu treffen.

 

Da brodelt das Leben

An diesem Apriltag hat der 75-Jährige bei Sonnenschein das erste Mal wieder längere Zeit auf dem Balkon gesessen und das „sehr genossen“. Während das Nachbarhaus noch eingerüstet ist, „brodelt in den anderen Bereichen das Leben schon“. Derzeit legt ein Gartenbaubetrieb auf dem leicht hügeligen Gelände noch Hand an: für kleine Wege sowie Spielflächen für die Kita und auch solche, die öffentlich zugänglich sind.

„Wie alle anderen hier können wir auch die Dachterrasse nutzen und zum Feiern den Gemeinschaftsraum“, so Lannes, der mit seiner Frau Theresa eine Drei-Zimmer-Wohnung bewohnt. – „Direkt unterm Dach. Über uns ist nur noch die Solaranlage.“

 

Je nach Bedarf und Lebensphase

Im Haus mischen sich kleinere Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen mit Studentenapartments und einer Cluster-Wohnung. Dementsprechend gemischt ist auch die Bewohnerschaft: Ältere um die sechzig oder siebzig, die meist nicht mehr im Berufsleben stehen. Junge Leute von Mitte 20 bis Anfang 30, die gerade in den Beruf gestartet sind oder studieren. Singles und Paare, eine Familie mit Kind, eine Frauen-WG. Wer in die noch nicht bewohnte Cluster-WG einzieht, das stellt sich in diesen Wochen heraus.

Einzug für alle anderen war im September 2025 und Albrecht Lannes da – nach vier Jahrzehnten als Lehrer – knapp zehn Jahre im Ruhestand. Für ihn bis dahin alles andere als eine ruhige Zeit. Eine Zeit, angefüllt mit zahllosen Treffen, Gesprächen, Bewerbungen. Alles mit dem Ziel, einen Ort und Interessenten für gemeinschaftliches Wohnen zur Miete sowie Träger für ein solches Projekt zu finden.

„Meine Frau hatte sich zuvor zehn Jahre lang in einer anderen Gruppierung vergeblich um ein entsprechendes Grundstück bemüht, auch damals schon für ein gemeinsames Mietprojekt“, so Lannes. Von daher war klar: „Jetzt war ich an der Reihe, mich zu kümmern.“

 

Kein Wolkenkuckucksheim

Der neuerliche Anlauf glückte auch nicht auf Anhieb. Eine Reihe von Wohnungsbaugenossenschaften winkte ab und viele Interessenten waren irgendwann auch nicht mehr mit im Boot. „Als wir dann die Zusage vom Neuen Heim hatten: ‚Wir bauen Ihr Haus.‘ – Da wussten wir: Das wird was. Das ist kein Wolkenkuckucksheim. Das hat Hand und Fuß. Dort sind wir gut aufgehoben.“ Weshalb er sich dessen so sicher war? „Die Einbeziehung der Mieter hat dort eine lange Tradition.“ Sie reicht nach seinen Worten zurück bis in die Nachkriegszeit. Damals entstand in einem Außenbezirk im Stuttgarter Norden ein ganzes Stadtviertel auf Initiative der Baugenossenschaft Neues Heim – zu jener Zeit noch zu einem großen Teil in Eigenleistung. „Und heute wie damals wird beim Neubau nicht über die Köpfe der künftigen Bewohner hinweg entschieden. Wir wurden gleichberechtigt in die Planung einbezogen – nicht unter ‚ferner liefen‘.“

 

Ein paar Nummern kleiner

Im Grundriss gleicht keine der Wohnung der anderen. Die Raumvorstellungen der Mieterbaugemeinschaft waren Maßgabe für den Architekten und die Beteiligten sich dabei von Anfang an einig: Wir wollen nicht mehr auf großer Fläche wohnen, sondern uns – zugunsten von Gemeinschaftsräumen – auf kleine Wohnflächen beschränken. Für Albrecht Lannes und seine Frau sind das knapp unter 70 Quadratmeter. Vorher waren es 86 Quadratmeter und davor 100 Quadratmeter. „Bei mehrmaligen Umzügen in den letzten Jahren haben wir uns von der Wohnfläche her nach und nach verkleinert.“ Im Alter sei das auch eine Erleichterung. Man müsse sich um weniger Räume kümmern. Das Problem auch in Stuttgart: „Wer vorher relativ günstig zur Miete oder im Eigentum gewohnt hat, hat es oft schwer etwas Kleineres zu finden, das finanziell adäquat ist.“

 

Nachricht aus der Waschbar

Um die 1.300 Euro warm zahlt das Paar für die Genossenschaftswohnung mit Glasfaserkabelanschluss, elektrischen Außenjalousien, hochwertiger Küchenausstattung inklusive Induktionsherd, Kühlschrank und Stauraum sowie für die Nutzung der Gemeinschaftsflächen. Dazu gehört auch die „WaschBar“ mit einer Waschmaschine und einem Trockner, um die sich ein Unternehmen kümmert. Das sei tatsächlich ausreichend für das gesamte Haus. „Wir wollten nicht in jeder Wohnung eine Waschmaschine aufstellen und kommen damit auch problemlos klar“, so Albrecht Lannes. „Über eine App meldet man seine Waschzeit an. Ab und zu kommt dann eine Nachricht: Da ist noch Wäsche im Trockner, soll ich die rausnehmen?“

Angedacht war ursprünglich noch ein zweiter Gemeinschaftsraum im Dachgeschoss mit Zugang zur Dachterrasse. Aber das wäre verschenkter Raum gewesen, befand die Gruppe hier dann doch zugunsten einer zusätzlichen kleinen Wohnung. Und gleichfalls durch Flächenoptimierung wurde aus einer geplanten großen Zwei-Zimmer-Wohnung eine kleine Drei-Zimmer-Familienwohnung.

 

Das Beste daraus gemacht

Eine Nummer kleiner von der Fläche wurde es auch bei den Studentenapartments. Dafür gibt es jetzt aber sieben statt sechs davon. Dazu gesellt sich dort noch einmal ein großer Gemeinschaftsbereich inklusive Gemeinschaftsküche.

An anderer Stelle ging die ursprüngliche Planung auch deshalb nicht hundertprozentig auf, weil die Gruppe den Zuschlag dann doch nur für ein kleineres Grundstück erhielt. Damit war die angedachte Pflege-WG im Haus hinfällig. „Aber es ist dabei geblieben, dass wir hier barrierefrei und behindertengerecht wohnen. Ins Bad kommt man auf jeden Fall mit dem Rollator und mit dem Fahrstuhl bis zum obersten Stock.“ Und im Quartier selbst gibt es eine Tagespflege, genauso wie Wohnbereiche für Jugendliche mit Betreuungsbedarf.

 

Kein Platz für Einsamkeit

Seiner alten größeren Wohnung trauert Albrecht Lannes nicht nach. „Larmoyanz? Warum auch? Wir wollten nicht für uns alleine wohnen. Wir haben Menschen gesucht und auch gefunden, mit denen wir uns gut verstehen. Mit denen wir zusammen wohnen und zusammen alt werden können. Wo einer auf den anderen achtgeben kann und für Einsamkeit kein Platz ist.“

Dass es dann doch fast zehn Jahre geworden sind – von der ersten Idee bis zum Einzug der Mieterbaugemeinschaft, war vielen unvorhersehbaren Ereignissen geschuldet. Hier funkten „Covid“, enorm gestiegene Baukosten, Materialengpässe sowie nicht zuletzt auch verseuchtes Erdreich auf der vormaligen Gewerbebrache dazwischen, das sehr tief abgetragen werden musste.

„2023 war Grundsteinlegung. Das heißt: Wir waren allein sieben Jahre im Wartestand. Aber wir sind drangeblieben. Als wir uns wegen der Pandemie eine lange Zeit nicht mehr analog treffen durften, haben wir uns online zusammengeschlossen, Termine und Planungen weitergeführt, die Wohnkonzepte weiter ausgearbeitet und verfeinert“, blickt Albrecht Lannes nicht ohne Stolz zurück.

Grundsteinlegung für das Projekt der Mieterbaugemeinschaft am Wiener Platz in Stuttgart im Jahr 2023. Darauf haben die Beteiligten lange hingearbeitet.
Auf gemeinsamer Wochenendfahrt in Heilbronn schon vor Einzug der Mieterbaugemeinschaft am Wiener Platz in Stuttgart. Weitere Ausflüge sind geplant.

Gesprächsrunde
im Musikzentrum des neuen Quartiers am Wiener Platz mit Interessenten für das innovative Mieterbauprojekt, das zu diesem Zeitpunkt noch eine Baustelle war.
Das Quartier am Wiener Platz in Stuttgart-Feuerbach entsteht auf einer ehemaligen Gewerbebrache. Im Baufeld Süd baut die Baugenossenschaft Neues Heim als Ankerinvestor insgesamt 102 Wohnungen. Dazu gehört auch das Projekt der Mieterbaugemeinschaft „Wohnen am Wiener Platz“

Fotos: Albrecht Lannes, Neues Heim / Juergen Pollak und Neues Heim / Beyonity