Mit Wohneigentum aus der Wohnungskrise
Unter dieser Überschrift debattierten zum diesjährigen Bauspartag in Berlin Vertreter der privaten Bausparkassen und der Landesbausparkassen sowie Repräsentanten aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft.
Wie wollen wir wohnen? Inwiefern ist das finanziell leistbar? Welche Chancen haben insbesondere junge Familien am Wohnungsmarkt? Wird das Angebot ihren Wohnwünschen gerecht? Wodurch wird Bauen verteuert? Wie kann und sollte man gegensteuern? Inwiefern greifen politische Maßnahmen für bezahlbares Wohnen schon? Wo besteht dringend Handlungsbedarf? Und in der Quintessenz: Wie kann Wohneigentum zur Lösung der aktuellen Wohnungsmisere beitragen?
Diesen und weiteren Fragen widmete sich der diesjährige Bauspartag in Berlin in verschiedenen Vortrags- und Diskussionsformaten – ausgehend vom aktuellen Befund.
Wunsch nach Unabhängigkeit
Demnach wünschen sich fast drei Viertel derjenigen, die derzeit nicht im Eigentum wohnen, das jedoch ausdrücklich. Bei den unter 30-Jährigen sei dieser Wunsch mit 79 Prozent sogar noch stärker ausgeprägt, bezog sich Forsa-Geschäftsführer Dr. Peter Matuschek auf eine aktuelle hauseigene Studie. Was interessanterweise schon seit mehreren Jahren feststellbar sei: Dahinter steht in erster Linie der Wunsch nach Unabhängigkeit, Gestaltungsfreiheit, Stabilität. „Erst dann kommen monetäre Gründe wie gute Kapitalanlage, gute Altersvorsorge, finanzielle Sicherheit und steigende Mieten.“
Noch viel Luft nach oben
Was der Wohnungsmarkt derzeit hergibt und wie folglich die Chancen für diese Wohnwünsche stehen, dazu lieferte Felix Pakleppa vom Zentralverband des Deutschen Baugewerbes die harten Fakten: „Es fehlen immer noch 100.000 Baugenehmigungen pro Jahr, um wieder dahin zu kommen, wo wir 2020 einmal waren. Wir hatten vordem über 300.000 fertiggestellte Wohnungen pro Jahr.“ Im vergangenen Jahr waren es unter 250.000. „In diesem Jahr werden wir nur noch 220.000 Wohnungen bauen.“ Von daher: „Wir sind jetzt gerade so auf dem Weg vom Abstiegsplatz zur Relegation.“ Da sei noch viel Luft nach oben.
Die deutliche Zurückhaltung der Wohnungsbauunternehmen, aber auch vieler bauwilliger Familien, die er beobachtet, sei insbesondere der Kostensteigerung von 43 Prozent seit Vor-Corona geschuldet. Noch ein Vergleich, den er zog: Kostete der Neubau um das Jahr 2010 noch 2000 Euro pro Quadratmeter, „gehen wir jetzt in Richtung 5000 Euro“.
Pragmatismus und Wahlfreiheit beim Bauen
Deshalb sei es ein guter Ansatzpunkt, dass man Bauwilligen „wieder mehr Freiheit gibt zu wählen, wie sie bauen wollen“, nahm er Bezug auf den Redebeitrag des CSU-Bundestagspolitikers Michael Kießling.
Kießling hatte den Gebäudetyp E – „als pragmatisches Bauen ohne großen Qualitätsverlust“ – ins Gespräch gebracht: „Damit kann man wirklich gut von den Kosten herunterkommen.“ Ökonomie und Ökologie müssten zusammengehen. Was nach Kießlings Worten in der Politik gern vergessen wird: „Bauen muss sich auch lohnen für den, der investiert.“ Und: Beim Bauen nur auf die Miete zu setzen sei zu wenig. Wohnen zur Miete und Wohnen im Eigentum – als Politiker sehe er „seine Aufgabe darin, beides zu verbinden. Oder wie man in Bayern sagt: Leben und leben lassen“.
Pluralität beim Wohnen
Die Pluralisierung des Wohnens auch bei den Eigentumsformen sprach in diesem Zusammenhang auch Professorin Christine Hannemann von der Universität Stuttgart an. Dass ein Wohnmodell für das ganze Leben Bestand hat geht nach ihren Worten an den Lebensrealitäten vorbei. „Manchmal passt es besser, in einer Genossenschaft zu wohnen, ein anderes Mal Wohnen mit Eigentum zu verbinden.“ Insofern brauche es eine viel größere Flexibilität.
In diesem Kontext griff Dr. Reiner Braun, Vorstandsvorsitzender empirica, die Kostenfrage noch einmal auf: „Wir können gar nicht günstig bauen.“ Die Herstellungskosten seien in den letzten 20 Jahren doppelt so schnell gestiegen wie die Inflationsrate. Da stecke alles drin, „dass Material teurer und Baurecht verschärft wird“. Deswegen: „Wir diskutieren viel zu viel – wie sollen Menschen wohnen? Als darüber – wie wollen die Menschen wohnen?“
Kurieren an Symptomen
Die bisherige Diskussion und konkrete politische Arbeit der letzten Jahre habe vor allem darauf gezielt, die Folgen der Wohnungsnot zu mildern – etwa mit der Mietpreisbremse, so Bernd Hertweck, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Privaten Bausparkassen. „Man versuchte, beim schwächsten Glied in der Kette die Symptome zu heilen. Tatsächlich aber liegt es am fehlenden Angebot und die Schere wird immer größer.“ Staat, Länder und Kommunen könnten dieses Problem nicht lösen. Durch private Initiative, privates Kapital sei ein zusätzliches Angebot zu schaffen – „das heißt durch Wohneigentum“. Das sei „ein enorm wichtiger Hebel zur Lösung der Wohnungskrise“ und zugleich eine wichtige Säule der privaten Altersvorsorge. Letztgenannter Aspekt kommt nach seinen Worten in der Diskussion viel zu kurz. „Wir diskutieren oft über Fonds und Einsteigerprodukte.“ Aber im Alter eigene vier Wände zu besitzen sei auch ein Schutz. Eine reformierte Eigenheimrente „sehen wir als wichtigen gleichwertigen Baustein für die Altersversorgung“.
Neue Balance nötig
In diesem Sinne plädierte Stefan Siebert, Vorsitzender der Gruppe der Landesbausparkassen, für ein „Sowohl-als-auch“, was Anlagemöglichkeiten, aber vor allem auch die „Vielfalt des Wohnens“ angeht. In den Medien werde dies jedoch oft als ein Gegensatz diskutiert. Und er hob die gewichtige Rolle des Wohneigentums bei gesellschaftsübergreifenden Themen wie etwa dem Klimaschutz hervor, ging an dieser Stelle aber auch auf die niedrige Investitionsquote bei der energetischen Sanierung ein. Offenbar sei der Druck in der Vergangenheit etwas zu stark gewesen. Hier brauche es eine „neue Balance“.
Was an diesem Tag als Tenor in den Wortbeiträgen und der Debatte immer wieder anklang: Nicht gegeneinander, sondern nur miteinander lassen sich die derzeitigen Probleme beim Wohnen lösen – und mit einer Portion Optimismus und Pragmatismus.
Bau-Turbo wirkt
Das bekräftigte in ihrem sehr persönlich gehaltenen Redebeitrag auch die Bundesbauministerin. „Wir sind nicht hier – in der Politik und in diesem Raum nicht, um darüber zu klagen, was nicht mehr geht. Sondern daran zu arbeiten, was wieder gehen muss“, so Verena Hubertz. „Zehn Jahre Genehmigungsverfahren, zwei Jahre Bauzeit. Das kann man doch niemandem mehr erzählen in Zeiten, da Wohnraum dringend benötigt wird. Mit dem Bau-Turbo verkürzen wir diese Zeiträume jetzt wesentlich.“ Als „ermutigendes Beispiel“ nannte sie Hamburg. Dort wurden auf dieser Grundlage 750 Bauvorhaben auf den Weg gebracht. Darüber hinaus soll mit dem Upgrade des Baugesetzbuches das Planverfahren in Zukunft nicht mehr fünf oder zehn Jahre, sondern nur noch zwei Jahre dauern, stellte sie in Aussicht. Und: „Wir haben zu viele Normen und Vorschriften.“ Ein strukturelles Problem. Hier müsse Ballast abgeschüttelt werden.
Neue Förderkulisse und Gebäudetyp E im Blick
Der Gebäudetyp E sei die Antwort darauf: „E wie einfach, effizienter – ohne all den ‚Schnickschnack‘, den sich jeder einbauen kann, den es aber nicht unbedingt braucht.“ Den Referentenentwurf des entsprechenden Gesetzes dazu kündigte sie für Sommer dieses Jahres an. In Arbeit ist nach ihren Worten auch eine neue Förderkulisse für Bestand und Neubau, die 2027 auf den Weg gebracht werden soll.
Ihr Fazit: „Am Wohnungsmarkt sehen wir, wie gut es unserer Wirtschaft geht und unserer Gesellschaft.“ Das gemeinsame Ziel müsse sein, dass beides floriert. Dazu gehöre auch, „dass das eigene Heim wieder erreichbar ist. Dass man sich ein Zuhause leisten kann – in einem Land, in dem man sich auch wieder auf das Aufstiegsversprechen verlassen kann“. Vor diesem Hintergrund würdigte sie die Leistung der Bausparkassen, „die mit ihren Produkten zum frühzeitigen Sparen und damit zur Eigenkapitalbildung anreizen“.